Die Weide – zwischen Gut und Böse

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Die Weide – zwischen Gut und Böse

Zusammen mit der Pappel gehört die Weide zur Familie der Weidengewächse und hat mit allerlei Vorurteilen zu kämpfen. Früher behauptete man, unter ihnen wohne das Böse. Andererseits sind die Weidenkätzchen eine beliebte Frühlings- und Osterdekoration und ersetzen vielerorts bei Palmprozessionen die Palmwedeln. Im Jahre 1999 verdiente sich die Silberweide sogar den Titel zum Baum des Jahres.

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Name: Weidenbaum
Botanischer Name: Salix
Weitere Namen: Felbern, Korbweide, Maiholz, Weihbuschen, Katzenstrauch, Gerberweide
Familie: Weidengewächse (Salicaceae)
Anzahl der Arten: ca. 450 Arten
Herkunft: Europa, Nordafrika, Asien
Rinde: rissig, kreuzweise gefurcht, braun bis grau
Holz: weich, weisslich, leicht, grobfaserig, geringer Brennwert
Blattform – und farbe: schmal und hellgrün
Symbolik: Keuschheit, Enthaltsamkeit, Ewigkeit, Ausdauer, Tod, unglückliche Liebe

Von sprunghaftem Wachstum – die Weide

Weiden treffen wir häufig an Flussläufen, Seen, in Auenwäldern oder in Moorlandschaften an. Sie durchwurzeln nämlich rasch die Böden und stabilisieren sie somit. Ihre bekannteste handwerkliche Verwendung ist wohl als Flechtmaterial. Jeder kennt die geflochtenen Weidenkörbe. Mit jungen Weidenruten lassen sich auf Kinderspielplätzen prima sogenannte Weidenhäuschen errichten, z. B. Bauformen wie Iglus oder Tipis. Auch die Wünschelruten zum Auffinden von Wasserquellen bestehen aus Weidenmaterial.

Weltweit gibt es ca. 500 Weidenarten. Viele von ihnen wachsen jedoch eher klein und unscheinbar heran. Beispielsweise zu Sträuchern. Nur 5 Arten wachsen zu stattlichen, imposanten Bäumen heran. Zu Trauerweiden, Kopfweiden, Silber-Weiden oder Sal-Weide. Doch im Gegensatz zu ihren Baumkollegen Eiche und Eibe besitzt die Weide eine vergleichsweise kurze Lebenserwartung: Sie beträgt 70 bis 100 Jahre, allerhöchstens jedoch 200 Jahre.
Da sie also nicht so viel Zeit hat, wächst die Weide auch ziemlich rasch. Daher stammt auch ihr botanischer Name Salix: Er leitet sich nämlich von dem Verb salire her, was soviel wie „springen“ bedeutet.

Namensgeberin Weide

Ähnlich der Stechpalme fungiert auch die Weide als Namensgeberin. Sie gab vielen Ortschaften einen Namen, sowie Widen, Widnau, Weid oder das offensichtliche Weiden. Auch Familiennamen wie Weidenmann oder Widenhuber stammen von dem Weidenwort ab. Der Volksmund nennt den Weidenbaum auch Felberbaum, weshalb der Familienname Felber von der Weidenbaumart stammt. Die westfälische Mundart benannte die Weide wiege. Im englischen Sprachraum gebraucht man willow auch als Mädchenvornamen.

Medizinbaum Weide

Weidenrinde heilt. Sie wirkt schmerzstillend, entzündungshemmend und fiebersenkend. Daher setzte man sie vor allem bei chronischen Schmerzzuständen ein. Zum Beispiel bei Rheuma und Rückenschmerzen. Weidenrinde enthält nämlich Salicin, den Hauptbestandteil von Aspirin. Heute stellt man Salicylsäure eher synthetisch her. Vermutlich gab man dem Schmerztragenden ein Rindenstück zum Kauen. Auch die Indianer bestrichen sich bei Kopfschmerzen die Stirn mit einem Brei aus Weidenrinde. Hildegard von Bingen dagegen kochte aus der Rinde einen Tee gegen Schmerzen und Fieber.

Palmkätzchen als Ostersymbol

Der Weidenbaum hat jedoch nicht nur eine medizinische Bedeutung. Sondern auch eine religiöse. Wie die Stechpalme nutzen die katholische Kirche und ihre Gläubigen die so genannten Palmkätzchen für die Palmsonntagsprozession, um Jesu‘ Einzug in Jerusalem zu gedenken. Mit ihnen wird die Osterzeit eingeläutet. Sie werden gesegnet und als Schutzamulett für Haus und Familie nach Hause getragen. Dort verziert man sie mit bunten Bändern und hängt Ostereier an die Zweige. In Russland heißt der Palmsonntag sogar Weidensonntag.

Im Zeichen des österlichen Karfreitags gibt es in Zusammenhang mit der Trauerweide eine Legende zu erzählen: Eigentlich war die Trauerweide zu Jesu‘ Zeiten noch ein stolzer Baum, deren Äste hoch gen Himmel strebten. Als Pontius Pilatus Jesus verhörte, fand er keine Schuld an ihm, ließ ihn aber dennoch geißeln. Die Folterknechte entschieden sich die Geißelung mit Weidenzweigen auszuführen. Mit zusammen gebundenen Ruten rissen sie den Rücken des Herrn auf, der die Schmerzen lammgleich ertrug. Die Weide aber, die zusah, schämte sich zutiefst, dass ihr Äste für so eine schmachvolle Tat hergegeben zu haben und ließ fortan Zweige und Blätter tieftraurig zu Boden hängen.

Die Weide als Schreckgespenst

Die Weide ist auch im nördlichen Europa mit düsteren Legenden und Aberglaube behaftet. Schuld an diesem Ruf sind zu einem die Kopfweiden. Sie wuchsen ihrem Naturell entsprechend an Teichen und Wasserläufen. Und im düsteren Moor. Von Nebel umzogen. Das konnte die damalige Fantasie schon anregen. Zumal sie dank der Schnitte der Korbflechter in den bizarrsten Figuren wuchsen.
In Erinnerung an die tragische Shakespeare-Figur der Ophelia, warnten Mütter ihre Kinder eindringlich vor den Weiden, da sie befürchteten, sie könnten ins Wasser fallen und ertrinken.

Ferner erzählte man sich, dass der germanische Totengott Wida in seiner Unterwelt in einem Weidengebüsch lebte. Auch die Hexenkönigin trugt ein Weidenzweigzepter. Und der Teufel liebte es in alten Weidenbäumen zu hausen. Deshalb mussten junge Hexen auch Gott unter einer Weide abschwören und ihre Seele dem Teufel schenken.
Es hieß außerdem, Judas Iskariot habe sich an einer Weide erhängt. Deshalb erhängte man auch Verbrecher an Weidenbäumen, wenn kein Galgen in der Nähe war. Die Redewendung „an der Weide büßen“ stammt auch daher.


Grusel-Mythos Weide

Auch Märchen und die moderne Literatur zeichnen überwiegend ein negatives Bild von der Weide. So lässt Hans-Christian Andersen seinen Märchenhelden Knud in „Unter dem Weidenbaum“ unter einer Weide sterben. In Tolkiens „Herr der Ringe“ lebt im Alten Wald der Alte Weidenmann, der einen schlechten Einfluss auf die anderen Waldbäume ausübt. Er versucht den Hobbit Frodo in „Die Gefährten“ zu ertränken. Auch in Harry Potter gibt es die Peitschende Weide, die aggressiv auf alle Menschen und Dinge einschlägt.
Diese Negativbilder entspringen vermutlich dem düsteren englischen Aberglaube, Weiden könnten sich selbst entwurzeln und den Reisenden nachjagen.

Neben der schon erwähnten Karfreitagslegende über die Auspeitschung Jesu‘ mit Weidenruten gibt es noch eine andere Geschichte wie die Trauerweide zu ihren unglücklich baumelnden Zweigen kam: Über den Tod eines Liebespaars soll die Weide sich so gegrämt haben, dass sie ihre Zweige hängen ließ und niemals mehr aufrichtete. Viele Menschen assoziieren mit den kriechenden Zweigen auch Schlangen.

In Japan dagegen verbindet man die Weide mit Geistern. Seinen Ursprung hat dieser Glaube vermutlich in dem japanischen Volksmärchen Grüne Weide, in dem ein junger Samurai sich in ein Mädchen verliebt, das eine enge, sprirituelle Verbindung zu einem Weidebaum pflegt.

Eine widersprüchliche Symbolik

In Fernost ist von der negativen Symbolik, die der Weide in Europa anhaftet, nichts zu merken. Dort gilt sie als Symbol weiblicher Schönheit, Sanftmut und Anmut. Besonders aber die Weidenkätzchen stehen für Frivolität und moralische Schwäche. Der Ausspruch „Blumen suchen und Weiden kaufen“ umschrieb einen Bordellbesuch. Deshalb wachsen am Eingang des Tokioter Freudenhausviertels auch Weidenbäume.
In vornehmen Häusern durften im Garten oder im Hinterhof der Frauen keine Weiden stehen, um in ihnen keine unkeuschen Gedanken zu wecken. Verschenkt man in Japan und China Weiden, bei denen die Kätzchen schon abgefallen sind und schon junge Blätter sprießen, symbolisiert man verlorene Unschuld.

Wegen ihres rasanten Wachstums gilt die Weide jedoch auch als Fruchtbarkeitssymbol: Im europäischen Griechenland legte man Weidenzweige unter das Kissen einer Frau, damit sie schwanger würde. Auch einige Stämme der amerikanischen Ureinwohner legten Zweige der Weide in die Betten frischvermählter Paare. Auch der alte Osterbrauch, dass die Jungen ihre Mädchen mit Weidenruten schlagen, sollte die Fruchtbarkeit mehren.

Naturschutzbaum Weide

Die Palmkätzchen der Weide stehen in Deutschland unter Naturschutz. Sobald sie nämlich zu blühen beginnt, stellen sie durch den enormen Zuckergehalt in ihrem Nektar für Bienen, Käfer, Schmetterlinge und andere Insekten eine ausgezeichnete Nahrunhrungsquelle dar. Beim Frühlingsspaziergang deshalb bitte keine Palmkätzchen abbrechen!

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