Blumen für die Ewigkeit

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Blumen für die Ewigkeit

Man mag es kaum glauben: Historiker gehen bei Kunstblumen von einem Alter von 3.000 Jahren aus. Obwohl Plastik und künstliche Spinnstoffe noch gar nicht so lange existieren. Damit haben sie eine lange und auch interessante Geschichte zu erzählen.

Die Anfänge der Kunstblume

Die ursprüngliche Heimat des Kunstblumenhandwerks vermutet man in Ägypten. Ein Zeitzeuge hierfür ist der römische Geschichtsschreiber Plinius. Er berichtet von kostbaren, parfümierten Blumenkränzen aus Papyrusrinde und Seide, die ihren Weg ins antike Griechenland fanden. Tatsächlich wurde die Blumenherstellung damals hoch angesehen und galt als echte Kunst, da sich nur die teueren Adelshäuser künstliche Blumen leisten konnte.
Im Römischen Reich liebte man dagegen Wachs sehr. Daher flocht man in Kränze und Girlanden häufig Wachsblumen ein. Leider gerieten mit dem Untergang des Römischen Reiches auch die damaligen Kunstblumen in Vergessenheit.

Glauben wir alten christlichen Legenden sind Kunstblumen sogar noch viel älter und existierten schon zu König Salomos Zeiten:

Legend has it...
Im biblischen ersten Buch der Könige (1. Kön 10,1-13) prüfte die Königin von Saba den weisen König Salomo, ob er ihrer würdig sei mithilfe von Rätseln. Im Mittelalter wob man Legenden um diese Rätsel. Eine davon erzählt, König Salomo sei in einem Raum vor zwölf Lilien gestellt worden. Aber nur eine von ihnen sei echt gewesen. Die künstlichen seien so lebensecht gewesen, dass er mit bloßem Auge nicht zu erkennen vermochte, welche natürlich war. Also ließ er Bienen in den Raum und beobachtete, auf welche sie sich niederließen.
Die Kunstblume floriert im Mittelalter

Ihr Comeback erlebten künstliche Blumen dank des Christentums. Noch heute schmückt man den Altar und die Heiligenbilder in den Kirchen und am Straßenrand aus Verehrung und zum Lobpreis mit Blumen. Allerdings gab es zu damaligen Zeiten einen den Jahreszeiten und der Abwesenheit der Globalisierung geschuldeten Mangel an der Blütenpracht. Ebenso welkten im heißen Sommer die Altarblumen recht schnell. Also arbeiteten italienische Nonnen an einer Alternative: Sie schnitten sich aus Stoffen wie Batist, Gaze und Seide, Blüten zurecht. Italienische Händler hingegen stellten im 12. Jahrhundert auch Blumen aus gefärbten Seidenraupenkokons her. Der Verkauf von künstlichen Blumen nahm also hier seinen Anfang. Bald schon entwickelte sich ein ganzer norditalienischer Industriezweig zur so genannten Seidenblumenherstellung.

Die französische Kunstblumenrevolution

Die Franzosen forderten die italienische Seidenblumenindustrie jedoch schon bald heraus. Im 18. Jahrhundert, als Kunstblumen zu einem wichtigen Modeaccessoire aufstiegen, verlagerte sich die Blütezeit und das Zentrum der Seidenblumenherstellung nach Frankreich. Besonders gerne trug man sie dort als Verzierung auf Kleidern, Hutgarnituren oder als Haarschmuck. Kein Wunder, dass illustre Persönlichkeiten wie die Mätresse des Königs Ludwig VX. oder Marie-Antoinette, Kunstblumen besonders liebten. Die als Blumenliebhaberin bekannte Marie-Antoinette soll im Jahre 1775 beim Anblick einer künstlichen Rosenknospe sogar in Ohnmacht gefallen sein, so bezaubert war sie von der Natürlichkeit und der echten Wirkung. Aber auch der Adelsstand verzierte seine Kleider mit Seidenblumen. Denn: Was der Königin gefiel, wurde wohlbekanntlich am ganzen Hofe nachgeahmt. Es verwundert also kaum, dass die Seidenblumenherstellung regelrecht florierte und Manufakturen im ganzen Land sprossen. Als die Französische Revolution allerdings hereinbrach und der Adelsstand auf dem Schafott stand, flohen viele Seidenblumenkünstler nach England und Berlin. Wo sie ihr Handwerk weiter verbreiteten.

Die Kunstblume und der grüne Tod

Im viktorianischen England erlebte die Kunstblume ihre Hochblüte. Damals blühte auch die Selamlik, die Blumensprache auf und Blumen waren in aller Munde und auf allen Köpfen. Denn Kunstblumenhaarschmuck war zu dieser Zeit besonders beliebt. Handwerker und Künstler verwendeten eine Vielzahl an Materialien wie Seide, Samt, Krepp, Gaze und Musselin für ihre künstlich geschaffenen Blumen. Um Stoffblätter grün zu färben, verwendete man ein grünes, arsenhaltiges Pulver. In diesem Zusammenhang trug sich allerdings im Jahre 1861 ein besonders tragischer Fall zu: Die neunzehnjährige Kunstblumenmacherin Matilda Scheurer starb an Kunstblumen. Oder besser gesagt: Sie konsumierte zuviel von dem giftigen Grünpulver. Sowohl mit ihren Atemzügen als auch beim Essen, denn das Pulver haftete hartnäckig an ihren Händen. Ihr „bunter Tod“ äußerte sich in qualvollen Symptomen: Schüttelkrämpfe, Erbrechen, Schaum vor dem Mund, sowie eine Grünfärbung von Galle, Augen und Fingernägeln. Sogar ihre Sicht soll sich grün verfärbt haben.
Tatsächlich soll Kunstblumenhaarschmuck eine ausreichende Giftmenge enthalten haben, um bis zu zwanzig Menschen zu töten. Ausschläge und allergische Reaktionen bei den Trägerinnen waren nicht selten.

(Quelle: https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2018/10/die-toedliche-mode-des-19-jahrhunderts)

Die Kunstblume entdeckt Amerika

Von England aus segelte die Seidenblumenkunst auch nach Amerika. Doch schon ehe die Herstellung auf dem eigenen Kontinent begann, gehörten Kunstblumen zu einem beliebten Importartikel. Auch hier dienten sie als Haarschmuck, Verzierung für Kleider und Hüte und zu dekorativen Zwecken. So sollen bei George Washingtons Amtseinführung zahlreiche Kunstblumengestecke aus Frankreich genutzt worden sein. Auch galten Seidenblumen in den amerikanischen Kolonien als Luxusgüter. Aber bald schon stellten die Amerikaner ihre eigenen Kunstblumen her. Die Arbeit verrichteten in den Manufakturen hauptsächlich immigrierte, unverheiratete Frauen und Kinder.

Die Geschichte der Seidenblume geht weiter

Im Laufe der Zeit automatisierte sich der Herstellungsprozess von Kunstblumen immer mehr. Zuerst goss man Ausstanzformen aus Eisen. Und wer hat’s erfunden? Genau, die Schweizer waren’s! Auch die Erfindung des Webstuhls mechanisierte den Prozess weiter. Blieb das Ausstanzen und die Stofffärbung Männerhandwerk, überließ man das Zusammenstecken den Frauen als Heimarbeit. Da die Tätigkeit sauber und leicht war, war sie auch sehr begehrt. Bekannteste Arbeiterin in einer deutschen Papierblumenmanufaktur war wohl Christiane Vulpius, die spätere Gemahlin des bedeutenden Dichters Goethe. Tatsächlich findet sich in seinem Werk Faust, II. Teil ein Vers über Kunstblumen:

Denn wir halten es verdienstlich, / Lobenswürdig ganz und gar, / Unsere Blumen, glänzend künstlich, / Blühen fort das ganze Jahr.“

Johann Wolfgang von Goethe – Faust, Der Tragödie II. Teil, Vers 5096 – 5099
Deutsches Kunstblumenhandwerk

Noch heute ist das sächsische Sebnitz ein Wahrzeichen für das deutsche Kunstblumenhandwerk. Seinen Ursprung hatte es nach 1834 als Sachsen dem Deutschen Zollverein beitrat und die bisher aus Böhmen importierten Kunstblumen mit einem regelrechten Wucherzoll belegt wurden. Also entstanden im grenznahen Sebnitz eigene Produktionsstätten, die während des Deutsch-Französischen Krieges sogar den Weltmarkt eroberten: Mehr als 200 Manufakturen mit rund 15.000 Mitarbeiter und -innen deckten von da an bis zu drei Viertel des weltweiten Kunstblumenbedarfs. Wichtigster Markt war hierbei die Modebranche: Üppige Blumen für Damenhüte und die so genannte Boutonnière, die Knopflochblume, waren besonders gefragt. Künstliche Vergissmeinnicht, Nelken und das Edelweiß steckte man(n) sich am liebsten ins Knopfloch oder ans Revers.

Die Kunstblume im Weltkrieg

Bis zur Weltwirtschaftskrise und den Weltkriegen feierte die Kunstblume also einen ungebrochenen Siegeszug. Ab dem Jahre 1910 fanden deutschlandweit so genannte Blumentage statt, an denen künstliche Blumen zu einem wohltätigen sozialen Zweck Margeriten, Kornblumen, Heckenrosen und Anemonen verkauft wurden. So berichtet besonders der Margeritentag im Jahre 1911 in München von einem beträchtlichen Erfolg: Die Menschen sollen stundenlang Warteschlange gestanden haben, um Margeriten zu erwerben, das Gedränge war so groß, dass sogar Sicherheitskräfte eingreifen mussten. Über Nacht mussten auch noch einmal 200.000 Kunstmargeriten per Schnellzug aus Sebnitz angeliefert werden und trotzdem war der Bedarf noch immer nicht gestillt.
Mit Kriegsausbruch traten andere Sorgen in das Leben der Menschen und die Kunstblumen verloren an Bedeutung. Auch der Modestil gestaltete sich gradliniger und nüchterner, nicht mehr verspielt und blumig, sodass der Seidenblumenbedarf auch hier enorm zurückging. Zwar sammelte man auch während des Zweiten Weltkriegs mit Hilfe von Kunstblumen einige Spenden, doch blieben die Erfolge der Blumentage aus.

Artificial Flower-Power bis heute!

Zu DDR Zeiten vereinte man 100 der Sebnitzer Kunstblumenkleinbetriebe dann zur VEB Kunstblume, die zwischen 3.000 und 4.000 Mitarbeiter umfasste. Damit gehörte der Betrieb zu den größten regionalen Arbeitgebern. Den Löwenanteil der Produktion exportierte man ins kapitalistische Ausland, um sich Devisen zu sichern. Den Rest verteilte man an Feiertagen: Verschiedene Blumenarten am 8. März, dem Internationalen Frauentag, sowie am Arbeitertag am 1. Mai eine Anstecknelke.
Auch die weltweite bunte Jugendrebellion der Hippie-Bewegung in den 60er Jahren regte den Kunstblumenbedarf neu an: Blumen symbolisierten Liebe und Frieden und wurden allgegenwärtig in Haar, auf Rucksäcken oder auf der Kleidung als Ansteckblume oder Druck getragen. Diese geballte Flower Power machte die Hippies auch zu so genannten Blumenkindern.

Nach dem Mauerfall endete das Seidenblumenhandwerk in Deutschland fast. Man befand man die VEB Kunstblume unrentabel und sie wurde geschlossen. Heute sind nur noch 2 Kunstblumenbetriebe in Sebnitz geöffnet und führen das traditionelle „Blümeln“ in Handarbeit fort. Der Großteil aller angebotenen Seidenblumen stellt man heutzutage nämlich in Fernost her: Seit 1970 produziert man hier in Handarbeit weitaus preiswerter als in Europa oder anderlands und sicherte sich somit die absolute Marktherrschaft im Bereich Seidenblumen.

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