Agave – eine Jahrhundertpflanze

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Agave – eine Jahrhundertpflanze

Immergrün, häufig mit der Aloe vera verwechselt und ein echter Wüstenhüter – das ist die Agave. Wenn sie dann aber eines Tages aufblüht, dann mit voller Stärke und manchmal, manchmal bedeutet es sogar ihren Tod. Aber die sukkulente Pflanze glänzt mit ihrer Vielfalt: Nicht nur bei den 300 Arten, sondern auch in ihrer Verwendung.

agave steckbrief

Name: Agave
Botanischer Name: Agave
Familie: Spargelgewächse (Asparagaceae)
Unterfamilie: Agavengewächse (Agavoideae)
Anzahl der Arten: ca. 300 Arten
Herkunft: südliches Nordamerika, Mittelamerika, nördliches Südamerika
Merkmale: fleischige, schwertförmige, gezähnte Grünblätter, wachsen in einer Rosette
Nationalpflanze von: Antigua & Barbuda

Die Agave – eine Antiquität aus der Aztekenzeit

Die Agave ist eine weit verbreitete Wüstenbewohnerin Mittelamerikas. Sie gehörte zum festen allzwecklichen Inventar der alten Azteken und war schon antik als Amerika im Jahre 1492 entdeckt wurde. Ihr heutiger Agavenname leitet sich vom griechischen agavos (dt. edel, prachtvoll, erhaben) ab. Bei den Azteken nannte man sie jedoch metl. Deshalb glaubt man auch, dass sich der Landesname Mexico um die Agave dreht: So soll es eine Zusammensetzung der Worte metl, xicly und co sein und frei übersetzt „der Ort, an dem sich der Mittelpunkt der Agave befindet“ bedeuten.

In der Hälfte des 16. Jahrhunderts erreichte die Agave erstmals Europa. Dabei handelte es sich vornehmlich um die Amerikanische Agave, die sich vor allem im Mittelmeergebiet ansiedelte. Damals nannte und klassifizierte man sie noch als Aloe. Die erste europäische Agavenblüte bewunderte man im Jahre 1583 in Pisa. In Deutschland hingegen war es dann 1626 in Ansbach zum ersten Mal soweit.


Hundertjährige Agave

Die Familienzugehörigkeit zu den Spargelgewächsen sieht man der Agave auch an. Betrachtet man den Blütenstängel, der aus der Rosette entspringt, fühlt man sich unweigerlich an den Spargel erinnert. Je nach Art kann dieser bis zu zwölf Meter hoch wachsen. Besonders gut sieht man diese Ähnlichkeit bei der Amerikanischen Agave (Agave americana). Anders als andere Blüten bestäuben nicht hauptsächlich Bienen und Vögel die Agaven, sondern Motten, Kolibris und Fledermäuse.

Eine weitere Besonderheit der sukkulenten Grünpflanzen ist ihre Blüte. Sie dauert besonders lange, bei manchen ist es beinahe ein wahres Jahrhundertereignis: So ging man lange Zeit davon aus, dass die Amerikanische Agave nur alle Hundert Jahre eine Blüte ausbildet. Deshalb nennt man sie bis heute noch Hundertjährige Agave bzw. im Englischen century plant. Heute weiß man, dass die Blüte außerhalb ihres natürlichen Ursprungsraumes nach ungefähr fünfzig Jahren stattfinden kann. Während sie an ihrem eigentlichen natürlichen Standort jedoch schon nach zehn bis funfzehn Jahren aufblüht. Allerdings stirbt sie in der Regel nach ihrer majestätischen Blüte allerdings ab. Die Agave lebt also, um zu blühen.

Agave-Arten und ihre Besonderheiten

Einge Agave-Arten weisen neben ihrer einmaligen Blüte noch andere Besonderheiten auf: So ist die Agave bracteosa optisch der Grünlilie ein wenig ähnlich: Sie hat Blätter, die sich ebenfalls wie Spinnenbeinchen kräuseln, weshalb sie im Englischen auch Spider Agave genannt wird.
Kurios sieht auch die Agave attenuata aus, die die deutschen Beinamen Schwanenhals-Agave und Drachenbaum-Agave trägt: Der Blütenstand schwingt sich mit einer Länge von bis zu 3,5 Mettern einem Schwanenhals gleich.
Die Agave fourcroydes hingegen hat Blätter, die bis zu 1,80 Meter hoch hinaus wachsen und so dicke und lange Fasern haben, dass aus ihnen Seile hergestellt werden. Deshalb nennt man die Sukkulente im Englischen auch Henequen-Agave.
Die Agave victoriae regina glänzt mit ihrer Königlichkeit: Ihr Name ehrt nicht nur die britische Queen Victoria, ihre Blätter ähneln außerdem kleinen grünen Schmuckstücken. Beinahe botanische Kronjuwelen. Ihr Blütenstand weist übrigens auch eine spektakuläre Drehung auf.

Agavengöttin Mayahuel

Bei den Azteken hatte die Agave sogar eine eigene Göttin: Mayahuel. Sie stand für Fruchtbarkeit und Trunkenheit. Ihre Darstellung mit 400 Brüsten verband man mit den vielen Blättern und Sprossen der Agave. Die aus ihnen herausfließende Milch, mit denen sie ihre 400 Kinder stillte, übersetzte man mit dem aus der Agave gewonnenen alkoholischen Getränk Pulque. Jeder der 400 Kinder, die centzon totochtin (dt. Hasen oder Kaninchen), steht dabei für einen anderen Grad der Trunkenheit.


Legenden zur Enstehung der Agave
Mayahuels Großmutter, die böse Göttin Tzitzimitl, lebte im Sternenhimmel und verschlang alles Licht. Als der Gott Quetzalcoatl sich aufmachte sie zu töten, fand er die schöne Mayahuel schlafend vor. Mit einer Windbrise weckte er sie. Beide verliebten sich ineinander und flüchteten hinab zur Erde. Die Großmutter aber blieb nicht unwissend und suchte sie in allen winkeln der Welt. Die beiden Verliebten schafften es aber immer wieder zu entkommen und sich zu verstecken. Auf Grund ihrer unsterblichen Liebe zueinander, verschmolzen sie zu einem gegabelten Baum. Die zornige Großmutter Tzitzimitl fand sie trotzdem und spaltete den Baum. Mayahuel starb dabei und Tzitzimitl warf ihre Baumhälfte den Dämonen zum Fraß vor. Quetzalcoatl aber schaffte es in seiner Wut die Hälfte seiner Geliebten wiederzugewinnen und zu begraben. Seine Tränen begossen das Grab und aus Mayahuels Überresten wuchs die erste Agave. Ihr süßer Saft soll Mayahuels Blut und von ihrem Geist beseelt sein.
In der anderen Legende spielt Quetzalcoatl den Verführer, vor dem Mayahuel jedoch vor ihm in die Menschenwelt flieht. Damit jedoch niemand sie findet, verwandelte Quetzalcoatl sie in eine Agave. Der Zuckersaft, der beim Anschnitt des zentralen Agaventriebes zu fließen beginnt, sollen ihre Tränen sein.
Den Göttern nahe sein

Aus dem süßlichen Agavensaft brauten schon die Azteken das heutige Nationalgetränk Mexikos: Pulque. Allerdings nannten sie es ixtac octli (dt. weißer Likör). Pulque hingegen ist wohl eine irrtümliche Ableitung der Bezeichnung octli poliuhqui (dt. verdorbener Likör). Anders als heutzutage kam damals aber nicht jeder in den genüßlichen Konsum von Pulque: Hauptsächlich trank man ihn zu zeremoniellen und medizinischen Zwecken. Damals glaubte man nämlich, dass Trunkenheit einem den Göttern näher brachte bzw. dass man den Göttern die Erlaubnis gab, Besitz von einem zu ergreifen.

Aus dem Herzen der Agave

Neben Pulque gewinnt man aus der Agavenpflanze noch andere Destillate. Die wohl bekanntesten unter ihnen sind Tequila und Mezcal. In etwa kann man sagen, dass jede Tequilasorte ein Mezcal ist, aber nicht umgekehrt. Tequila wird ausschließlich aus der Blauen Weberagave im mexikanischen Bundesstaat Jalisco gewonnen; botanisch trägt sie den Tequila auch gleich schon im Namen: Agave tequilana. Mezcal bezeichnet übrigens neben der Spirituose das Agavenherz, aus dem der Tequila hergestellt wird, und bedeutet aus dem aztekischen Nahuatl übersetzt so viel wie Haus des Mondes.

Der Wurm in der Flasche

Während der Tequila zu 100 % aus der Blauen Weberagave hergestellt wird, sind beim Mezcal aus bis 28 verschiedenen Agavensorten bestehen: das verleiht ihm natürlich auch einen abwechslungsreichen Geschmack. Das ist wohl auch der größte Unterschied zwischen den beiden mexikanischen Spirituosen, die im Herstellungsprozess vorhandenen Abweichungen sind hingegen nur minimal. Das größte Geheimnis ist wohl der einigen Mezcalflaschen schwimmende Wurm. Allerdings handelt es sich dabei eher um eine Larve. Es ranken sich verschiedene Erklärungen darum, weshalb man sie mit in die Mezcalflasche abfüllt: So heißt es, bei den Azteken stellte man anhand der Raupenzugabe die Alkoholqualität fest. Nur, wenn die Larve nicht zersetzt, sondern konserviert würde, sei der Mezcal ein guter. Besonders beliebt sind die Theorien, dass der Wurm eine halluzinogene oder aphrodisiernden Wirkung haben sollen. Das ist aber definitiv falsch.
Eine andere Erklärung ist, dass es sich um einen reinen Marketinggag aus den 1950er handelt: Jacobo Lozano Páez fand heraus, dass der Mezcal aus raupenbefallenen Agavenblättern anders schmecke als der aus „gesunden“. Deshalb kam ihm die Idee eine Gusano del Maguey in die Flasche miteinzufüllen.

Agavensisal

Nach der Tequila sind wohl die Sisalfasern das bekannteste Agavenprodukt. Man gewinnt sie aus den zehn Zentimeter breiten Blättern der Agave sisalana und stellt aus ihnen Seile, Taue, Hüte, Teppiche, Kordeln, Dartscheiben und Kratzspielzeuge für Katzen her. Anders als man vielleicht erwarten möchte, ist nicht Mexiko der größte Sisalproduzent, sondern Brasilien.

Nicht immer schon diente die Sisal-Agave zur Faserherstellung, obwohl sie auch schon von den Azteken domestiziert wurden. Allerdings stellten sie lieber den göttlichen Pulque aus ihr her. Die Sisalgewinnung aus der Agavenpflanze begann auch erst im 19. Jahrhundert populär zu werden, erlitt mit der Kunstfaserproduktion jedoch auch Rückschläge. Heute gilt die Agave wieder als fünftwichtigste Faserpflanze weltweit. Andere Agavenarten, die sich ebenfalls zur Faserverarbeitung eignen sind die A. americana, A. funkiana, A. cantala und A. fourcroydes, die auch als Henequen bekannt ist.

Süßer als Zucker

Zunehmend populärer in unserer Zeit wird auch der Agavensirup. Für gewöhnlich erntet man zu seiner Herstellung Agaven, die mindestens acht Jahre alt sind, und gewinnt ihn, wie schon Mezcal, aus ihrem Herzen.
Agavendicksaft ist 1,5 mal süßer als herkömmlicher Kristallzucker und wird deshalb als Zuckerersatz angepriesen. Die vegane Küche nutzt ihn auch gerne als Honigalternative, allerdings ist er weniger zähflüssig. Es gilt auch: Je dunkler die Sirupfarbe, desto stärker ist der Karamellgeschmack.
In der Kritik steht aber die negative Ökobilanz des Agavensirups: Die weiten Transportwege und der Anbau von Monokulturen sind dabei vor allem schlecht für die Umwelt.

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